EU-Projekt Estland

Zwischen Schere und Käärid liegt ein Pilotprojekt

Friseurinnung Pforzheim-Enzkreis setzt bei Ausbildung auf Kooperation mit Estland und EU-Geld

Von unserem Redaktionsmitglied Edith Kopf

Mit „Kamm und Schere“ kann man weit kommen. Für die jungen Esten, die demnächst in Pforzheim eine Ausbildung beginnen, gilt dies zweifach. Mit geschickten Händen, Meisterbrief und Fortune können sie sich nicht nur einen Platz unter Top-Coiffeuren erkämmen und ganz nebenbei den Nachwuchsmangel hierzulande mildern helfen. Sie überwinden dank der hiesigen Friseurinnung, Geld aus der EU-Sozialförderung und gebündeltem Interesse an Wirtschaftsförderung auch die Grenzen ihres Heimatlandes, das nahe bei Finnland und dem russischen St. Petersburg liegt

Idealerweise kommen sie auch wieder zurück. Daran lässt Jaanus Vahesalu keine Zweifel, als er gestern in Pforzheim die estnischen Aspekte zum Pilotprojekt „Kamm ja Käärid“ präsentierte. Denn dort mangelt es zwar nicht an potenziellen Auszubildenden, aber an betrieblichen Strukturen sowohl was Verbände als auch Qualifikationsstandards anbelangt.

Eine Win-Win-Situation also, die da gestern zu Ende verhandelt wurde. Der estnische Wirtschaftsförderer und seine Kollegin Ingrid Hindrikson brachten dafür manche Erfahrung mit. So verhandelten sie zum Beispiel vergangenes Jahr in Stuttgart über Kooperation im Bereich Mechatronic. Schließlich gilt es nachhaltige Strukturen zu schaffen für die 9 000 Quadratmeter Mechatronic-Center, die 2012 in der estnischen Hauptstadt eröffnet wurden.

Fremdsprachen sind ein wichtiger Beitrag dazu in dem kleinen Land mit den 1,3 Millionen Einwohnern, von denen knapp ein Drittel in Tallinn wohnt. Schulisch stimmen die Voraussetzungen dafür, weiß man bei der Friseurinnung Pforzheim. „Esten können traditionell gut Deutsch“, erläutert Nelli Butsch, weshalb die Idee, dort Nachwuchs zu gewinnen, überhaupt weiter verfolgt wurde. Es fehle aber an Praxis, macht Vahesalu deutlich, um was es aus estnischer Sicht geht. Wie auch immer, Tallinn und Pforzheim kommen zusammen in Sachen Friseurausbildung. Friseurinnung, ein von bislang acht möglichen Ausbildungssalons, die Alfons-Kern-Schule, die Pforzheimer Wirtschaftsförderung WSP sowie die Handwerkskammer waren gestern Stationen auf dem Weg dahin.

Es entsteht ein Pilotprojekt, bei dem das Baugewerbe am liebsten gleich mitmachen würde, wie Hans Schmeiser von der Bildungsakademie der Handwerkskammer sagte. Er begleitet das internationale Projekt der Pforzheimer Friseure auch als Kümmerer.

Die gleiche Rolle haben die Initiatoren Nelli Butsch, die 1977 selbst aus Estland nach Pforzheim kam, und Frank Werthwein, der das Konzept für das Projekt „Kamm und Schere“ entwickelte. Ihre Rollenzuschreibung ergibt sich aus den Vorschriften zum Förderprogramm MobiProEu. Schließlich sollen die estnischen Azubis nicht nur lernen, wie Farbe ins Haar kommt, sondern sich auch wohlfühlen in der Stadt, erläuterte Uwe Müller vom Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim. Die in Pforzheim erstmals bewilligte Förderung aus dem seit zwei Jahren gefüllten MobiProEu-Topf finanziert auch die Flüge zu Vorstellungsgespräch, Praktikum und Ausbildungsbeginn am 1. September sowie danach einmal im Jahr, einen vierwöchigen Fachsprachkurs in Tallinn und einen Zuschuss zum Unterhalt.

Eineinhalb Jahre Planung liegen hinter den Aktiven, wenn die ersten maximal zwölf Jugendlichen aus Estland in Pforzheim ankommen. Dazu gehörte auch, dass es Unterkünfte gibt. Diese wurden in Kooperation mit Hochschule und WSP gefunden. Pforzheimer Azubis können durch das ganze Engagement möglicherweise auch bald weit kommen. Schließlich funktioniert Austausch auch umgekehrt, wenn die richtigen Kontakte erst einmal geschlossen sind.

auf den kamm gekommen

AUF DEN KAMM GEKOMMEN sind Frank Werthwein, Nelli Butsch, Ingrid Hindrikson und Jaanus Vahesalu aus Estland, Arbeitgeberberater Christian Müller und Hans Schmeiser (von links). Foto: Ehmann

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Pforzheimer Kurier | PFORZHEIM | 15.01.2014

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